Montag, 12. Januar 2015

Vladimir Dimitrievich

Aus der Lesung im Rahmen der Abschlussveranstaltung als Stadtschreiber am 23. September 2014 im Goethe-Institut Riga

Hinter einem überfüllten und unaufgeräumten Schreibtisch aus den sechziger Jahren sitzt, auf einem schmalen Hocker, ein alter, etwas beleibter, aber kräftiger Mann. In der einen Hand hält er eine Lupe, in der anderen eine Klarsichthülle mit Diapositiven. Konzentriert begutachtet er seine Fotos, hält sie gegen das Licht, seufzt ein wenig und legt sie dann beiseite. Dann widmet er sich seinem Manuskript, welches er vor über zwanzig Jahren verfasst hat. Immer wieder schreibt er handschriftliche Kommentare in den mit einer alten deutschen Schreibmaschine geschriebenen Text. Es handelt sich dabei um seine Eindrücke, die er während einer Kuba-Reise mit einer sowjetischen Delegation gesammelt hat. Seitdem sucht er für sein Schreibprojekt einen deutschsprachigen Verlag. Dass sein Text bereits bei einem renommierten Moskauer Verlag auf Russisch erschienen ist, befriedigt ihn nicht. Er will, das auch die Menschen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz von seinen Erlebnissen auf Kuba erfahren. Für viel Geld hat er vor einigen Jahren eine deutsche Übersetzung anfertigen lassen. Doch niemand äußert Interesse, und das lässt ihm keine Ruhe.

Vladimir Dimitrievich steht auf. Seinen Bademantel bindet er notdürftig zu, in seinen zertretenen Badelatschen schlurft er in die Küche und öffnet in gebückter Haltung den auf dem Boden stehenden Kühlschrank. Fliegen surren rund um die Küchenlampe. Während er nach einem Stück Fleisch aus dem Kühlschrank greift und es in eine Pfanne wirft, hört man unten auf dem Hof ganz leise das Miauen einiger verwahrloster Katzen, die bereits auf ihre tägliche Fütterung warten. Da öffnet Vladimir Dimitrievich eine Plastikdose und schmeißt den hungernden Katzen die Reste seiner gestrigen Mahlzeit herunter.

Vladimir Dimitrievich ist pensionierter Journalist. Dass er mittlerweile über achtzig Jahre alt ist, sieht man ihm nicht an. Mit seinem weißen Vollbart und seinen grauen, beinahe schulterlangen Haaren, könnte er auf den ersten Blick ohne Weiteres auch als russisch-orthodoxer Priester durchgehen. Doch mit Religion hat Vladislav Dimitrievich herzlich wenig zu tun. Im Gegenteil. Sein kräftiger Körperbau verweist auf seine Jugend, als er, wie seine beiden Brüder, begeistert Eishockey gespielt hat.

Wie viele andere Russen kam er nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie nach Riga. Seinem Vater wurde damals eine Stelle als Flugzeugingenieur angeboten. Die Entscheidung, die Heimatstadt Perm, in der die Familie schon seit Generationen lebte, von einen Tag auf den anderen zu verlassen, fiel sicher nicht leicht. Andererseits waren die Jahre seit der russischen Revolution schwer gewesen. Denn dem Großvater hatten die Rotarmisten das neugebaute Mehrfamilienhaus entrissen. In die Partei ist der Vater deshalb auch nie eingetreten, und so hielt es auch Vladimir Dimitrievich zeit seines Lebens.

In den ersten Jahren in der neuen Stadt lebten sie zu fünft in einem kleinen Zimmer, mit unangenehmen Nachbarn, einer überfüllten Gemeinschaftsküche und einer trostlosen Toilette im Treppenhaus. Im Hof, daran kann er sich gut erinnern, spielten fast nur russische Kinder. Und einzige lettische Junge im Hof war gezwungen, Russisch zu sprechen, wenn er mit seinen neuen Freunden spielen wollte. Natürlich lernten die russischen Kinder in der Schule Lettisch, aber der Unterricht fiel oft aus, und das Fach wurde von den Schülern nicht besonders ernst genommen.

Eine große journalistische Karriere blieb Vladimir Dimitrievich zwar verwehrt, aber immerhin war er durchgehend bei verschiedenen Zeitungen beschäftigt. Doch als die Sowjetunion dann 1990/91 plötzlich zerbrach und Lettland unabhängig wurde, dauerte es nicht lange, bis er entlassen wurde. Eine neue Anstellung war aufgrund seiner russischen Herkunft und seines gehobenen Alters aussichtslos. Die niedrige Rente, auf die er dann Anspruch hatte, reichte bei weitem nicht aus zum Leben. Hätte er nicht Verwandte im westlichen Ausland gehabt, die ihn unterstützten, wäre es unmöglich gewesen, mit seiner Frau in der Vierzimmerwohnung zu bleiben, die sie früher mit ihren beiden nun erwachsenen Kindern bewohnt hatten. Dass diese seit Beginn der 1990er Jahre im westlichen Ausland lebten und dort lange Zeit nicht einmal genug Geld für den eigenen Bedarf verdienen konnten, machte die Sache nicht gerade einfacher.

Obwohl er bereits in den vierziger Jahren in Riga lebte, bekam er nach der Unabhängigkeit Lettlands nicht automatisch die lettische Staatsbürgerschaft. Stattdessen wurde er, wie viele andere Russen auch, zum sogenannten Nichtbürger Lettlands erklärt, mit Aufenthalts-, aber ohne Wahlrecht. Die lettische Staatsbürgerschaft zu erwerben, blieb Anfang der 1990er Jahre nur wenigen Russen vorbehalten. Erst aufgrund von internationalem Druck lockerte die lettische Regierung die Bedingungen. Doch viele Russen empfanden es schon als Beleidigung, überhaupt einen Antrag auf Einbürgerung stellen zu müssen, um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft in dem Lande zu werden, in dem sie geboren worden waren oder zumindest seit ihrer frühen Kindheit lebten. Vladimir Dimitrievich sah dies pragmatischer und entschied sich dafür, mit beinahe siebzig Jahren die lettische Sprache zu erlernen und die Staatsbürgerschafts-Prüfung abzulegen.

Vladimir Dimitrievich erhebt sich, stellt den leeren Teller beiseite und geht ins Wohnzimmer. Er schließt die Tür zum angrenzenden Schlafzimmer, in dem seine schwer kranke Frau liegt und um die er sich fast ganz alleine kümmert. Dann schaltet er, sehr laut, den Fernseher an. Als erstes schaut er sich die Wetternachrichten an, dann den Bericht über die Geschehnisse in der Ukraine, eines der wenigen Themen, die ihn überhaupt noch interessieren. Doch schon bald macht er den Fernseher wieder aus und legt sich hin, um seinen Mittagsschlaf zu machen. Ukraine? Putin? Lettland? Über diese Fragen nachdenkend schläft er langsam ein. Einigermaßen beruhigt. Dass Putin einen gewaltsamen Aufstand der Russen ihn Lettland militärisch unterstützen, ja, provozieren würde, kann er sich einfach nicht vorstellen. Und er hätte auch etwas dagegen. Denn dann könnte er nicht mehr ohne Visum zu seinen Verwandten nach Deutschland reisen.

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Iveta

Aus der Lesung im Rahmen der Abschlussveranstaltung als Stadtschreiber am 23. September 2014 im Goethe-Institut Riga

„Das muss ich ihnen jetzt aber doch erzählen!“ Iveta beugt sich mir entgegen, während ich schnell noch die Tasse mit dem Früchtetee beiseite stelle, und ihre sonst so melodiöse, beinahe theatralische Stimme bekommt einen mir ganz unbekannten Klang. „Ich habe neun Kredite aufgenommen! Und keine Bank wusste vom Kredit der anderen.“ Sofort schießen mir, dem abgesicherten Deutschen, naive Fragen durch den Kopf, wie „Kann das sein?“, „Hätte ich das auch gemacht?“ oder „Wird sie ihre Schulden je wieder zurückzahlen können?“

Da lehnt sich Iveta auch schon wieder zurück und ergänzt scheinbar ruhig: „Jetzt haben sie mein Haus genommen, dass ich damals mit meinem Mann aufgebaut habe.“ Nach und nach erfahre ich Dinge, die ich nie erwartet hätte, obwohl ich Ähnliches vermutet habe. Denn wie kann es sonst sein, dass diese energische, intelligente und auch feinfühlige Dame Ende fünfzig gleich drei Jobs gleichzeitig ausübt und trotzdem in einer Art Wohngemeinschaft wohnt? Einer Zweck-WG, in der diejenige Person, die fast nie da ist, das Sagen hat, nämlich die Tochter des über achtzigjährigen, pflegebedürftigen Wohnungsbesitzers. Da die restlichen zwei Zimmer an ausländische Studentinnen vergeben sind, bleibt die Pflegearbeit inklusive tägliches Kochen fast immer an Iveta hängen. Für eine reduzierte Miete selbstverständlich.

Das Zimmer in dem alten, teilrenovieren Jugendstilhaus in der Ģertrūdes iela bewohnt sie gerade mal ein halbes Jahr. Es ist ihre erste Bleibe in Riga, seit sie Aizkraukle, eine kleine Stadt im Südosten Lettlands, verlassen hat. Alles wirkt sehr provisorisch, und die Möbel, die nicht ihre eigenen sind, scheinen allesamt Relikte aus vergangenen Sowjetzeiten zu sein. „Wenn ich etwas Eigenes finde, ziehe ich hier sofort wieder aus,“ erklärt mir Iveta mit entschlossener Miene. Optimismus und Fröhlichkeit waren möglicherweise Eigenschaften, die schon immer einen Teil ihres Charakters ausmachten. Doch nun wirkt diese positive Ausstrahlung ein wenig aufgesetzt, scheint jederzeit in sich zusammenfallen zu können, wie eine dünne, äußerst empfindliche Maske.

Iveta hat zahlreiche Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Vor allem den Unfalltod ihrer beiden drei- und fünfjährigen Kinder Ende der 1980er Jahre hat sie bis heute nicht überwunden, sie tut sich schwer, darüber zu sprechen. Ebenso geht es ihr, als ich sie nach ihrem Mann frage, der nur wenige Jahre später an Krebs verstarb. Nun ist sie mehr oder weniger allein, irgendeinen Kontakt zu Verwandten hat sie nicht. Vielleicht war der Verlust ihrer Familie auch einer der Gründe, warum sie ihre Stelle als Deutschlehrerin an einer Schule in Aizkraukle aufgab, um etwas völlig Neues zu beginnen. Ein Schönheitssalon sollte es sein, das war ihr großer Traum, und damit verbunden war natürlich die Hoffnung, mehr Geld zu verdienen als sie es bis dahin getan hatte.

Die Banken gaben ihr die benötigten Kredite, allerdings zu äußerst ungünstigen Konditionen. Geld zu bekommen war vor der lettischen Wirtschaftskrise, die 2008 einsetzte, ein Kinderspiel. Die Wachstumsraten waren enorm, und Immobilienbesitzer waren felsenfest davon überzeugt, dass der Wert ihrer Wohnung beständig steigen würde. Das ganze Land befand sich in einer Art Konsumrausch. Der Erfolg der anderen Existenzgründer beflügelte auch Iveta. Doch dann lief das Geschäft schlechter als erwartet, und es kam, wie es kommen musste: Die Kredite konnten nicht zurückgezahlt werden und das Haus in Aizkraukle wurde gepfändet. Und wie so oft folgt einem Fehler der nächste Fehler: In ihrer Verzweiflung versuchte Iveta das fehlende Geld im Internet bei Online-Quizshows zu gewinnen – und verlor abermals.

Beinahe eine viertel Million Euro müsse sie nun an die Banken zurückzahlen, erzählt sie mir. Ihre Tätigkeit als Museumswärterin hilft da nicht viel. Auch nicht ihre Jobs als Deutschlehrerin bei einer lettischen Arbeitsvermittlungsagentur und als Mitarbeiterin eines Marktforschungsinstituts. Letztendlich könne sie arbeiten so viel sie wolle, ihre Schulden würden für immer bestehen bleiben, und ihr Leben am Existenzminimum ebenfalls.

„Reden wir doch über etwas anderes!“ sagt Iveta mit fröhlicher Stimme und bietet mir noch einen Keks an. Da öffnet sich die Zimmertür und der alte Wohnungsbesitzer schaut herein. „Ach so, Entschuldigung, das wusste ich nicht.“ grummelt er auf Lettisch und schließt die Tür wieder. Scheinbar wollte er Iveta wieder um einen Gefallen bitten. „Heute morgen habe ich für ihn eingekauft und gekocht. Aber seine Tochter war mal wieder nicht zufrieden mit mir, die Kartoffeln waren zu hart, angeblich.“ Iveta schaut auf die Uhr. „Ich muss jetzt losgehen, ins Museum. Danach mache ich noch ein paar Umfragen.“ Sie steht auf und will den Tisch abräumen. Als sie mich ganz betroffen im Sessel sitzen sieht, hellt sich ihr Gesicht auf, und mit ironisch-pathetischer Stimme ruft sie aus, als wolle sie mich aufmuntern: „Beigas labas, viss labs! Ende gut, alles gut!“ Den Humor hat Iveta wahrlich nicht verloren, und das ist wohl auch gut so.
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Montag, 29. September 2014

Baiba Giptere und das Hinterhof-Projekt in der Moskauer Vorstadt

Aus der Lesung im Rahmen der Abschlussveranstaltung als Stadtschreiber am 23. September 2014 im Goethe-Institut Riga

Auf einer Bank sitzen ein paar Rentner und plaudern angeregt. Nebenan turnen Kinder ausgelassen an den neuen Spielgeräten. Vögel zwitschern, ein Auto parkt, von weitem hört man eine Straßenbahn vorbeifahren. Eine ältere Dame mit Plastiktüte in der Hand betrachtet geradezu fürsorglich einige Kürbisse, die bereits so groß wie Basketbälle sind. Das Geräusch eines Rasenmähers vermittelt den Eindruck von ländlicher Betriebsamkeit. Doch der Ort, an dem sich diese scheinbar alltägliche Szene abspielt, ist ein ungewöhnlicher Hinterhof in Riga, genauer gesagt in der Moskauer Vorstadt, einem Stadtviertel, das überwiegend aus ziemlich heruntergekommenen Holzhäusern und sowjetischen Plattenbauten besteht, und in dem fast nur Russen wohnen.

„Baiba!“ ruft die Frau mit Plastiktüte auf Russisch. „Willst Du noch eine Tüte mit Äpfeln haben?“ „Ja, gerne, danke! Ich komme gleich!“ ruft eine Stimme aus dem Hausflur zurück. Kurze Zeit später erscheint eine Frau um die fünfzig, akkurat gekleidet, blondiertes schulterlanges Haar. Hinter ihr ein Mann mit Fotoapparat und Aufnahmegerät, ein Journalist aus Deutschland, dem sie gerade den Projektraum gezeigt hat. Er verabschiedet sich höflich, dann geht Baiba zu der Frau bei den Kürbissen und nimmt die Plastiktüte mit den Äpfeln entgegen.

Medienvertreter aus aller Welt wurden in diesem Hinterhof schon oft gesehen, seitdem die Nachbarn nicht mehr den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen, jeder für sich allein, und vor allem, seitdem der verwahrloste Bereich zwischen den fünfstöckigen Mehrfamilienhäusern aus weißem Backstein nicht mehr Treffpunkt von Alkoholikern, Drogenabhängigen und Müllsammlern ist. Baiba war zwar nicht die Erste, die sich über den schlechten Zustand des Hofs aufregte, dafür war sie aber bereit, sich dafür einzusetzen, ihn umzugestalten. Sie wollte einfach nicht mehr zulassen, dass ihre jüngster Sohn in einem mit leeren Flaschen und Zigarettenkippen verschmutzten Sandkasten spielen musste.

So gründete sie mit einigen Nachbarn den Verein für die Entwicklung der Latgaler Vorstadt (Asociācija Latgales priekšpilsētas attīstībai), zu der auch die Moskauer Vorstadt gehört. Und als bekannt wurde, dass sowohl die Stadt Riga als auch die Stiftung Riga 2014 Gelder für die besten Konzepte für die Verschönerung der Hinterhöfe bereitstellen würden, erarbeitete die kleine Gruppe um Baiba ein erfolgreiches Konzept, mit dem sie jeweils den Zuschlag erhielt. Spätestens von dem Moment an, als Gärtner und Architekten kamen und konkrete Pläne für die Umgestaltung vorlegten, waren auch die meisten bisher eher skeptischen Nachbarn bereit mitzumachen. In gemeinsamen Aktionen wurde der Innenhof nun in gemeinschaftlicher Arbeit umgebaut. Und nicht nur das. In der Folge organisierte der Verein Hoffeste, Sommer-Sport, Ausflüge, Kochkurse und Bastelwerkstätten, die zum Teil draußen im Hof und teilweise in dem oberflächlich renovierten Projektraum im Kellergeschoss veranstaltet wurden, den der Verein angemietet hatte.


Was nun folgte, war im positiven Sinne absehbar: Die Nachbarn aus der Umgebung kamen und interessierten sich, und so dauerte es nicht lange, bis Baiba den nächsten Antrag schrieb. Mittlerweile sind es drei Hinterhöfe, die umgestaltet wurden, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. „Die Menschen hier haben verstanden, dass sie Dinge verändern können, wenn Sie gemeinsam handeln. Und dass es wichtig ist, wenn einer den Anfang macht.“ erzählt Baiba immer wieder den Besuchern, die sich ein eigenes Bild machen möchten. Dabei ist ihr aber auch klar, dass die Umgestaltung niemals ohne öffentliche Fördermittel und private Spenden funktioniert hätte. Auf die immer wiederkehrende Frage, warum sie hier als Lettin zwischen so vielen Russen wohne, antwortet sie gelassen, dass Sie schon seit zwanzig Jahren hier lebe, und dass sehr gerne. „Ich denke beinahe schon auf Russisch“ fügt sie lachend hinzu. „Die Russen sind offener als die Letten, mit ihnen ist es einfacher, etwas zu unternehmen. Die Letten sitzen lieber zu Hause“.

Illusionen über das Leben in Riga macht sich die gelernte Schneiderin trotz aller Bemühungen aber nicht. Dass ihre älteste Tochter beabsichtigt, nach New York zu fliegen, um sich dort um einen Studienplatz zu bewerben, unterstützt sie ohne Wenn und Aber. „Welche Perspektive hat sie schon hier in Riga?“ Dass es keine Kontinuität gäbe, bemängelt sie. So ginge es auch ihren Nachbarn, von denen meisten nur an heute und morgen denken würden. Was danach käme, sei ohnehin nicht planbar, zumindest nicht in diesem Land.

Angst vor Putin und seiner aggressiven Außenpolitik habe sie aber nicht. Und dass es unter den Russen einige Befürworter Putins gäbe, stört sie nicht. Niemals würde er es wagen, Lettland oder auch nur Teile Lettlands zu okkupieren, da sei sie felsenfest von überzeugt. Und die lettischen Russen würden es auch gar nicht wollen, gibt sie zu bedenken. Die wüssten genau, dass es ihnen hier besser geht als den meisten Menschen in Russland.

Baiba Giptere macht es wohl richtig. Ohne sich allzu große Illusionen zu machen, setzt sie sich für die Verbesserung des Zusammenlebens der Menschen ein. Es ist erstaunlich, dass die Verschönerung eines Hinterhofs die Aufmerksamkeit der internationalen Presse erregt. Eigeninitiative und nachbarschaftliche Projekte scheinen in Lettland immer noch etwas Besonderes zu sein.
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Sonntag, 28. September 2014

Stadtschreiber in NDR 1 Welle Nord Ostseemagazin

Am 25. September veröffentlichte der Radiosender NDR 1 Welle Nord im Ostseemagazin einen Beitrag der Journalistin Birgit Johannsmeier über mich als Stadtschreiber. Hier kann man mal reinhören (mit freundlicher Genehmigung von "NDR 1 Welle Nord Ostseemagazin"):

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Samstag, 27. September 2014

Abschied und Rückkehr

Meine Zeit als Stadtschreiber von Riga geht dem Ende entgegen. In ein paar Tagen werde ich meine Sachen zusammenpacken und zurück nach Deutschland fliegen. Aber ich komme wieder, sogar sehr bald, denn im Oktober und November habe ich als Autor von Reiseführern in Riga, Lettland, dem Baltikum und auch in St. Petersburg zu tun.

Die Abschlussveranstaltung im Goethe-Institut am vergangenen Dienstag mit Lesung und anschließendem Gespräch mit Anna Muhka von der Stiftung Riga 2014 und Jonas Büchel vom Urban Institute Riga war aus meiner Sicht erstaunlich gut besucht. Für mich war es eine ganz neue Erfahrung, eigene Texte vor einem Publikum zu lesen. Besonders gespannt war ich auf die Reaktion der Zuhörer auf die Kurzportraits von Menschen, die in Riga leben. Es hat mich gefreut, einige positive Rückmeldungen erhalten zu haben. Ich würde das "Projekt" nämlich gerne fortsetzen, und vielleicht habe ich ja bis zum kommenden Sommer genug Texte beisammen, dass man daraus eine kleine Publikation machen kann. Vor allem Riga-Besuchern könnten die Portraits einen tieferen Einblick in das Alltagsleben in Riga vermitteln.

Ein kleines Missverständnis möchte ich an dieser Stelle kommentieren. Eine Zuhörerin verstand mich während des Podiumsgesprächs wohl falsch. Sie warf mir hinterher vor, dass ich angefangen hätte, Russisch zu lernen, als ich in diesem Sommer nach Riga kam. Wäre es tatsächlich so gewesen, hätte ich ihre Reaktion verstanden. Doch in Wahrheit lernte ich bereits während meines ersten Riga-Aufenthalts 1999 Russisch, und zwar aus familiären Gründen. Später begann ich dann damit, Lettisch zu lernen, was zugegebenermaßen nur sehr langsam vonstatten ging. Während meines Aufenthalts in diesem Sommer nahm ich Lettisch- und nicht Russisch-Unterricht.

Riga, diese schöne Stadt an der Mündung der Daugava in die Ostsee, ist mir wieder einmal ein großes Stück näher gekommen, oder ich ihr. Mit dem sicheren Gefühl, die Stadt eigentlich schon recht gut zu kennen, kam ich Ende Mai an, und musste bereits im Juni feststellen, dass ich eigentlich immer noch ein Fremder, ein Außenstehender bin. Doch durch die Vielzahl an interessanten Menschen, die ich in dieser Zeit kennenlernen durfte, aber auch durch neue Orte, die ich in diesem Sommer erstmals besuchte, fühle ich mich in Riga so wohl wie niemals zuvor. Es fiele mir sehr schwer, von dieser Stadt Abschied zu nehmen, wüsste ich nicht, dass ich auch in Zukunft häufig da sein werde.

Foto: Mārtiņš Otto, Rīga 2014

Ein würdiger Abschluss war da das Gemeinschaftskonzert des Kammerorchesters Sinfonietta Riga und des Berliner Andromeda Mega Express Orchestra im Konzertsaal "Riga" der Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Jānis Liepiņš am vergangenen Freitag (26. September). Die Veranstaltung wurde übrigens vom Goethe-Institut Riga initiiert und gefördert, das speziell für dieses "Großorchester" einen Komponistenauftrag an den Komponisten Daniel Glatzel vergeben hatte. Das Ergebnis war eine spektakuläre Mischung aus Klassik-, Jazz-, BigBand-, Filmmusik-, Freejazz, Elektronikmusik- und Avantgardemusikelementen. Eine spannendes Ereigniss, dass nach Wiederholung ruft.

Nicht wiederholt wird aller Voraussicht nach die Position des Stadtschreibers in Riga. Schade. Aber ganz sicher wird es in Zukunft andere Möglichkeiten geben, den kulturellen Austausch zwischen Lettland und Deutschland zu fördern. Der ist nämlich wichtig für beide Seiten, gerade jetzt, in Zeiten der Ukraine-Krise.

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Dienstag, 16. September 2014

Abschlussveranstaltung als Stadtschreiber

Am 23. September findet meine Abschlussveranstaltung als Stadtschreiber im Goethe-Institut Riga statt. Ich hoffe natürlich, dass möglichst viele Zuschauer erscheinen, denn es wird nach der Lesung auch noch eine Diskussionsrunde mit Anna Muhka von der Stiftung Riga 2014 und Jonas Büchel vom Urban Institute Riga geben. Weitere Infos dazu gibt es auf der Webseite des Goethe-Instituts.
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Lyrik im herbstlichen Riga


Der Herbst setzt langsam ein in Riga, die Blätter der Birken werden gelb, die Luft wird feuchter. Jacken werden aus den Schränken geholt, die ersten Nebelschwaden ziehen morgens auf. Nachmittags übernimmt dann die Sonne wieder die Führung, sendet zärtliche Lichtstrahlen, bevor die Nacht bereits um Acht hereinbricht...

Die fünfte Jahreszeit ist auch eine Zeit der Poesie (wobei ich nicht behaupten will, dass die Zeilen weiter oben Poesie sind), zumindest hier in Riga, wo im September wie in den vergangenen Jahren die Poesietage stattfinden, in Gedenken an Lettlands Nationaldichter Rainis (offfiziell: Jānis Pliekšāns), der Goethes Faust ins Lettische übersetzt und die Lettische Sprache (nicht nur dadurch, aber auch) um einen großen Sprung nach vorne gebracht hat. Und weil dieses Jahr Riga eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte ist (neben Umeå in Schweden), dauert das Festival dieses Mal länger als sonst, nämlich fast drei Wochen. Darüber hinaus finden die Lesungen, Konzerte, Buchvorstellungen teilweise an neuen Orten statt, zum Beispiel in der kürzlich erst eröffneten Nationalbibliothek. Es kamen und kommen auch ausländische Autoren zu Wort, auch aus Deutschland, z. B. Eberhard Häfner, Alexander Filyuta und Tom Schultz. Nicht zuletzt kommen auch russische Autoren, die in Riga bzw. Lettland leben, zu Wort.

Spannend war das Projekt „Poetry Map of Riga“, das im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms präsentiert wurde. Es ging darum, auf künstlerische Art und Weise (also in Form von allen möglichen Genres – sei es Musik, Videos, Installationen und Performances, oder aber auch interaktive Software oder Computer-Grafiken) eine ungewöhnliche Karte von Riga anzufertigen, auf der die Vielfalt der „urbanen Phänomene“ in der Stadt dargestellt werden sollten: in den Straßen, den Nachbarschaften, Häusern, Cafés, auf Kreuzungen, in Hinterhöfen, und so weiter. Die Ergebnisse wurden in mehreren Ausstellungen gezeigt, zuletzt in der ehemaligen Tabakfabrik, wo im Sommer auch die Selbstportraits des „RIGA SELF/PORTRAITS“-Projekts gezeigt wurden.

Ich muss gestehen: Es ist gerade so viel los in Riga, dass ich an noch nicht einmal der Hälfte der Veranstaltungen, die ich gerne besuchen würde, teilnehmen kann. Das geht eigentlich schon die ganze Zeit so. Nebenbei gibt es ja auch noch andere Aufgaben, zum Beispiel die Arbeit an meinem Buch, meinem Projekt, etwa 25 bis 40 (Kurz-) Portraits über Menschen in Riga zu schreiben, vor allem Menschen, die etwas Bestimmtes erreichen möchten, Menschen, die engagiert sind. Eine Aufgabe, die größer ist, als ich es erwartet habe, viel schwieriger, da man so viel falsch machen kann, wenn man über Schicksale schreibt, über Menschen, die so vieles Persönliches von sich preisgeben, wenn man mit ihnen spricht...

Meine Zeit als Stadtschreiber geht in zwei Wochen zuende. Schade eigentlich, sehr schade, denn es gäbe noch so viel zu erzählen. Die Stadt, von der ich meinte, sie bereits sehr gut zu kennen, hat mich überrascht. Sie hat mir mehrere „Geheimnisse“ verraten, aber nur so viele, dass sie mich neugierig gemacht hat, neugieriger als je zuvor. Zum Glück wird mich mein „Projekt“ noch oft nach Riga bringen, mindestens bis zum nächsten Sommer, das habe ich mir fest vorgenommen. Ich bin sehr gespannt auf die Entwicklung der Menschen, auf deren Hoffnungen, vielleicht aber auch Enttäuschungen. Auf ihr Schicksal und wie sie damit umgehen, auf ihren Mut und auf ihre Ängste.
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