Dienstag, 1. Juli 2014

Tanzen, bis die Sonne aufgeht


Schon lange hatte ich vor, endlich einmal die Mitsommernacht in Lettland zu feiern. Bisher war ich nämlich immer nur im Spätsommer vor Ort, niemals aber Ende Juni, wenn in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni im ganzen Land kleine oder größere Feuerchen angezündet werden und die ganze Nacht gesungen und getanzt wird, bis die Sonne aufgeht und die Tage wieder kürzer werden.

Es ist noch hell, als ich in Dzegužkalns ankomme, einem kleinen Park in Pardaugava, dem Stadtgebiet links der Daugava (Düna). Hier soll eines der schönsten Līgo-Feste in Riga stattfinden, hat man mir gesagt, nicht so bombastisch wie die „offizielle“ Līgo-Feier am Ufer der Daugava vor den Toren der Altstadt. Zehntausende sollen dorthin kommen, um bekannte Schlagerstars zu hören und ein riesiges Feuer abbrennen zu sehen.

Hier in Dzegužkalns scheint es dagegen weitaus ruhiger zuzugehen, in diesem Park, in dem sich der höchste Hügel Rigas erhebt, und von dem aus man eine schöne Aussicht auf den Hafen, die Wantenbrücke (Vanšu tilts) mit ihren unzähligen Drahtseilen und das dahinterliegende Stadtzentrum hat. Überhaupt erwarte ich nicht wirklich viel, schließlich sagte mir jeder, den ich nach einem passenden Ort für ein Līgo-Fest befragte, dass es auf dem Land ohne Zweifel am schönsten sei, am besten natürlich unter Freunden und Bekannten. Die Veranstaltungen in der Stadt seien sozusagen nur ein Trostpflaster für diejenigen, die keine Möglichkeit hätten, auf dem Land zu feiern.

Und so bin ich auch nicht wirklich überrascht, als mir zuerst nur ein paar betrunkene Gestalten begegnen, ich an etlichen Getränke- und Imbissständen vorbeikomme, und ich außer einem gerade erst angezündeten Feuerchen nichts Außergewöhnliches entdecken kann. Doch dann höre ich leise Musik, die schnell lauter wird, je näher ich komme, und unüberhörbar eine der im Vorfeld angekündigten bekannten lettischen Folkloregruppen sein muss. Vielleicht, ja, hoffentlich ist es die Postfolkloregruppe "Iļģi", die man auch außerhalb der Grenzen Lettlands auf Weltmusikfestivals antreffen kann. Dann erblicke ich im unteren Teil des Parks die überraschend große Estrade, wo hunderte Zuschauer enthusiastisch zur schwungvollen Darbietung der Folkloregrupe „Rīgas Danču klubs“ tanzen. Schade, "Iļģi" hätte ich gerne erlebt, aber da habe ich mich wohl zu spät auf den Weg gemacht.

Eichenlaubkränze sieht man auf beinahe jedem zweiten Herrenkopf, mindestens ebenso viele Blumenkränze auf den Häuptern der Damen. Lettische Trachten, wie man sie auf den Titelseiten der Werbeprospekte zahlreicher Tourismusagenturen findet, fallen mir hier weit weniger auf als ich erwartet hätte.

 
Oberhalb der Estrade sitzen die ruhigeren Menschen, die das Geschehen eher aus der Ferne genießen möchten. Einige von ihnen haben sich Proviant von zu Hause mitgenommen, den sie nun stillschweigend und genüsslich verzehren. Zwischen ihnen toben ausgelassen Kinder, die sich auf der grünen Wiese immer wieder bergab rollen, bis sie von ihren Eltern, die sich um die Gesundheit ihrer Liebsten sorgen, da das Gras nun recht feucht und die Luft ziemlich kühl geworden ist, wieder „eingesammelt“ werden. Überhaupt regnet es zwischendurch immer wieder ein bisschen, wie schon zuvor den ganzen Juni über. Das Wetter ist dieses Jahr bislang nicht wirklich normal, scheint es, denn gewöhnlich ist der Juni der trockenste Sommermonat in Lettland.

Ganz oben auf dem „Gipfel“ des Hügels spazieren die Pärchen oder Familien und genießen die Aussicht auf die Stadt, und rund um die drei Feuer, die ich im Areal des Parks nun mittlerweile erblicken kann, und die, wie mir sofort auffällt, sehr gekonnt und geschickt geschichtet sind, damit sie nicht so schnell abbrennen, stehen die Leute und lassen sich von den Flammen wärmen. Und da höre ich plötzlich, das überall um mich herum nicht nur Lettisch, sondern auch Russisch gesprochen wird. Aha. Also feiern sie doch miteinander, die Letten und die Russen. Ich bin begeistert. Gerne will ich zugeben, dass ich mich geirrt habe in einem meiner letzten Posts. Und sie feiern sogar gemeinsam das typischste der lettischen Feste! Einziger Unterschied ist, und das kann man sich vermutlich denken, dass ich keinen Russen oder keine Russin entdecken kann, der oder die eine lettische Tracht oder irgendeinen Kranz auf dem Kopf trägt. Aber wer weiß – ich habe es wahrscheinlich nur nicht gesehen... Auffallend ist in dem Zusammenhang aber auch, dass sich die Russen in deutlich höherer Dichte beim Feuer aufhalten als bei der Bühne, wo die lettische Folkloremusik gespielt wird. Aber immerhin.

In der Estrade lösen sich nun die Gruppen ab, die Bühne wird umgebaut. Auf der Vorbühne wird gleichzeitig der Beginn der Johannisnacht in Form von gemeinsamem Singen und Tanzen zelebriert, auch ich versuche, ein bisschen verschämt, einige zaghafte Schritte. Dann ist das Prozedere auch schon bald wieder vorbei und die neue Band beginnt mit ihrer Musik. Derweil verlassen vor allem einige Familien mit Kindern das Gelände und gehen nach Hause. Andere verstreuen sich ein wenig im Park oder stärken sich an den Imbissständen. Das ist wohl die Zeit, wenn, so ist zumindest der Brauch, auf den Festen auf dem Land die magische Farnblüte gesucht wird, die sich angeblich nur in der Mitsommernacht öffnet. Dass diese gerne auch zu zweit gesucht wird und die jungen Pärchen für einige Zeit im Wald verschwinden, gehört natürlich dazu. Hier im Stadtpark ist das ein bisschen schwieriger. Worauf ich ja noch hoffe, ist das Überspringen des Feuers, ebenfalls ein typisches Ritual. Anschauen würde ich mir das gerne, mitmachen wohl eher nicht. Gerne würde ich erfahren, ob da die Russen mitmachen? Vorstellen könnte ich es mir. 


Trotzdem überkommt mich Müdigkeit, träge setze ich mich auf eine der Treppenstufen, die auf den Hügel hinaufführen. Nach Hause gehen, mich schlafen legen, das würde ich jetzt eigentlich ganz gerne tun. Aber das geht doch nicht, denke ich, dann bist du den ganzen Sommer über schläfrig! So zumindest besagt es der Volksglaube. Alles soll dann nämlich schief gehen, nichts soll funktionieren, wenn man nicht mindestens bis zum Sonnenaufgang wach bleibt. Ich rappele mich also wieder auf und geselle mich zu den Menschen am Feuer. Langsam brennt es ab, ab und zu singen ein paar Leute Līgo-Lieder. Aber so lange ich warte, keiner macht Anstalten, über das Feuer zu springen, und ehrlich gesagt, es ist ja auch noch viel zu groß.

Ein bisschen überrascht mich aber schon, dass nun immer mehr Menschen den Park verlassen und nach Hause zu gehen scheinen. Es ist wohl so, dass nur ein kleiner Teil bis zum Morgengrauen aushält, obwohl der Sonnenaufgang im lettischen Sommer ungefähr um fünf Uhr vonstattengeht, also relativ früh. Auch ich mache mich auf den Weg. Und habe Glück. Denn noch bevor ich bei meiner Wohnung ankomme, ist die Sonne aufgegangen! Nun kann, nach lettischem Brauch, bei mir ja nichts mehr schiefgehen, denke ich, schließlich ich bin ja lange genug wachgeblieben... Und auf dem Weg zurück habe ich auf den Straßen von Riga vermutlich die Lieder gehört, die man nun wohl auch auf der höchsten Stelle im Dzegužkalns-Park singt. Denn das Wort "saullēkts" (Sonnenaufgang) hörte ich immer wieder aus den mir sonst überwiegend unverständlichen Liedtexten heraus. Erschöpft lege ich mich schlafen und hoffe, dass sich meine Mühe gelohnt hat und in diesem Sommer nichts mehr schiefgeht...

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